Warum wir manchmal überreagieren und was das über uns verrät
Welche Situationen kennen Sie, in denen Ihre Mitmenschen völlig unerwartet überreagieren? Plötzlich verhalten sie sich ganz anders als sonst – fast so, als wären sie nicht sie selbst. Und weil Sie mit einer solchen Reaktion nicht gerechnet haben, sind Sie zunächst überrascht und wissen nicht, was gerade passiert ist.
Sicherlich ist Ihnen das auch schon bei sich selbst aufgefallen. In welchen Momenten haben Sie heftiger reagiert, als es eigentlich nötig gewesen wäre?
Oft wird uns erst später bewusst, dass unsere Reaktion übertrieben war. Dann empfinden wir Scham oder Reue, nicht nur wegen des Vorfalls selbst, sondern auch, weil er etwas über uns verrät, das wir vielleicht lieber nicht wahrhaben wollen.
Hier ein konkretes Beispiel, das verdeutlicht, wie sich Überreaktionen äußern können:

Falls Sie sich in diesem Beispiel wiedererkennen sollten, empfehlen wir Ihnen auch unseren Blogbeitrag: Kann ein Hund zu wichtig werden?
Gründe, warum wir manchmal überreagieren
Psychologen und Philosophen haben dieses Phänomen seit über einem Jahrhundert untersucht. Sie fanden heraus, dass Menschen in bestimmten Situationen:
- ihre Emotionen auf andere projizieren (Freud),
- unterdrückte Persönlichkeitsanteile ablehnen (Jung),
- sich selbst täuschen (Sartre, Fromm),
- innere Widersprüche abwehren (Festinger) oder
- ihre Anpassung an äußere Normen nicht hinterfragen (Milgram).
Nietzsche erkannte bereits, dass wir oft diejenigen verurteilen, die das tun, was wir uns selbst verbieten.
Diese Theorien zeigen, dass Überreaktionen selten nur aus der aktuellen Situation heraus entstehen.
Sie sind oft Ausdruck eines unbewussten Konflikts – sei es:
- ein verdrängter Wunsch (Jung, Freud),
- eine ungelöste Spannung zwischen Überzeugung und Verhalten (Festinger),
- gesellschaftlicher Druck (Fromm, Milgram) oder
- die Angst, sich selbst etwas einzugestehen (Sartre, Nietzsche).
Wer sich dieser psychologischen Mechanismen bewusst wird, kann Überreaktionen als wertvolle Hinweise auf innere Unstimmigkeiten nutzen. Statt sich gegen andere zu verteidigen, lohnt es sich, nach innen zu schauen. Genau dort liegt die eigentliche Ursache der eigenen emotionalen Reaktion.
Mögliche verborgene Ursachen bei alltäglichen Überreaktionen
Diese weiteren Beispiele zeigen typische Situationen, in denen Menschen überreagieren und welche verborgenen Gründe dahinterstecken:
- Ein Single, der sich nach Nähe sehnt, behauptet, Beziehungen seien einengend. Wenn Paare in seiner Umgebung glücklich wirken, reagiert er abwehrend, weil er sich nicht mit seiner eigenen Unsicherheit auseinandersetzen will.
- Eine überforderte Mutter nennt Kinderlose egoistisch. Ihre eigene Überforderung bleibt unausgesprochen und somit unbearbeitet. Wenn andere bewusst auf Familie verzichten, empfindet sie das als Infragestellung ihrer eigenen Entscheidung.
- Ein Tierliebhaber, der sich bewusst gegen Haustiere entschieden hat, reagiert gereizt, wenn andere von ihren Katzen oder Hunden schwärmen. Die eigene Vernunftentscheidung wird durch das Glück der anderen unbewusst infrage gestellt.
- Vielarbeiter bezeichnen Menschen mit mehr Freizeit als faul. Dass andere sich Zeit für sich nehmen, erinnert sie daran, dass sie selbst ständig unter Druck stehen – eine Wahrheit, die sie sich nicht eingestehen wollen.
- Eine Frau, die sich unwohl mit ihrem Fleischkonsum fühlt, macht sich über Veganer lustig. Der Gedanke, dass ihr Essverhalten moralische Fragen aufwerfen könnte, wird abgewehrt, indem sie die Überzeugung anderer ins Lächerliche zieht.
Immer zeigt sich dasselbe Muster: Wären wir mit unseren Entscheidungen wirklich im Reinen, würden wir uns auch nicht durch die Wahl anderer bedroht fühlen.
Welche Konsequenzen könnte es haben, wenn wir überreagieren?
Wenn wir regelmäßig überreagieren, weil wir unbewusst an einer Entscheidung festhalten, die uns belastet, kann das tiefgreifende Auswirkungen auf unser Leben haben:
Überreagieren als Chance begreifen
Wenn wir übermäßig stark auf das Verhalten anderer reagieren, liegt die Ursache selten bei den Mitmenschen. Vielmehr zeigt sich darin ein Konflikt in uns selbst. Vielleicht berührt ihr Lebensstil eine seelische Wunde in uns, die wir lange verdrängt haben. Oder ihre Freiheit erinnert uns an eine Möglichkeit, die wir uns selbst genommen haben. Oft verteidigen wir nicht nur eine Überzeugung, sondern auch ein Selbstbild, das wir aus Angst nicht infrage stellen wollen.
Das Leben verändert sich und wir uns mit ihm. Es ist keine Schwäche, eine Überzeugung loszulassen, die uns nicht mehr dient oder vielleicht nie wirklich zu uns gepasst hat. Meistens ist es sogar eine Befreiung. Erst wenn wir uns erlauben, ehrlich zu uns selbst zu sein, können wir ein authentisches, erfüllteres und friedlicheres Leben führen.
Wie kann ich gelassener werden?
Der Schlüssel liegt in der Selbstreflexion. Je besser Sie sich selbst verstehen, desto weniger müssen Sie sich und anderen etwas beweisen.
Diese Fragen helfen Ihnen, innere Blockaden zu erkennen und zu lösen:
- Woher kommen meine Überzeugungen? (Selbstbestimmtheit vs. äußere Einflüsse)
- Bin ich wirklich zufrieden mit meiner Entscheidung oder halte ich sie nur aufrecht, weil ich mir keine Alternative erlauben will? (Selbsttäuschung & Ängste)
- Wenn ich mir eingestehen könnte, dass meine Entscheidung vielleicht nicht (mehr) die richtige für mich ist: Was würde im schlimmsten und was im besten Fall passieren? (Konsequenzen)
- Warum reagiere ich emotional so stark? (Selbstbeobachtung)
- Was wühlt mich so auf? Ist es wirklich die Aussage oder der Lebensstil der anderen? (tiefe Ursachen)
- Warum stört es mich, wenn andere anders denken? Warum ist es mir so wichtig, dass andere meine Sichtweise teilen? (Selbstsicherheit & Akzeptanz)
Erlauben Sie sich, sich zu verändern. Sich umentscheiden zu können, ist ein Zeichen von Reife und Wachstum. Je mehr Sie sich selbst erlauben, sich zu hinterfragen, desto weniger müssen Sie gegen andere „kämpfen“.
Es geht nicht darum, stur an einer Überzeugung festzuhalten oder sie impulsiv über Bord zu werfen, sondern darum, eine gesunde Balance zu finden. Extreme führen oft zu Konflikten – sowohl mit uns selbst als auch mit anderen. Wer sich erlaubt, flexibel zu denken, schafft sich mehr Freiheit, um wirklich authentisch zu leben.
Wann eine starke Reaktion gerechtfertigt ist
Selbstverständlich ist es nicht immer ein Zeichen für einen persönlichen, inneren Konflikt, wenn wir überreagieren. Es gibt Situationen, in denen es nicht nur angemessen, sondern notwendig ist, sich entschieden gegen etwas zu stellen.
Das betrifft vor allem Verstöße gegen grundlegende ethische Prinzipien – sei es das irdische Gesetz, das Recht und Ordnung sichert, oder das himmlische Gesetz, das über weltliche Regeln hinausgeht und das moralische Fundament des Menschen bildet. Wer beispielsweise unter Druck gesetzt wird, sich an einer Lüge, einer Ungerechtigkeit oder einer anderen falschen Handlung zu beteiligen, darf und soll sich klar dagegen positionieren.
Genauso sind Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit nicht bloß religiöse Begriffe, sondern beschreiben Verhaltensweisen, die zu tiefem Unrecht und persönlichem wie gesellschaftlichem Verfall führen. Wer sich dagegen wehrt, wenn er in solche Muster hineingezogen werden soll, reagiert nicht übertrieben. Er handelt mit klarem Gewissen und moralischer Verantwortung.